Jeder nach seinem Bild

16.06.2025 |

Die eigentümlichen Einschätzungen des neuen Papstes Leo XIV.

Im Jahr 1906 veröffentlichte der berühmte Theologe und Arzt Albert Schweitzer ein Buch zur „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“. Darin beschrieb er die bis dahin unternommenen Versuche, über die Zeugnisse des Neuen Testamentes hinaus die „historische“ Person Jesu herauszuarbeiten. Schweitzers Resümee war ernüchternd. Er stellte fest, dass die Ergebnisse dieser Jesusforschung nicht objektiv waren, sondern der persönlichen Meinung und Grundeinstellung der jeweiligen Forscher zum vermeintlich „historischen“ Jesus entsprachen. „Jeder schuf ihn nach seinem Bild“, so Schweitzer. 

Der Vergleich mag etwas gewagt sein. Aber auch im Blick auf den neuen Papst Leo XIV.  drängt sich der Eindruck auf, dass die unterschiedlichen öffentlichen Stellungnahmen zu dessen Person und Ausrichtung stark von den Prämissen der jeweiligen Kommentatoren geprägt sind. So interpretieren traditionell orientierte Katholiken beispielsweise die Tatsache, dass Leo bei seinem ersten Auftritt wieder die Mozetta trug und er wieder im Apostolischen Palast wohnen wird, als bewusste Distanzierung von seinem Vorgänger Franziskus. Von diesem Standpunkt aus ist es dann nicht mehr weit zu der ebenfalls von traditionellen Kreisen geäußerten Annahme, dass Leo den Ansatz einer viel stärker synodalen Ausrichtung der Kirche wieder zurücknehmen wird. Dass im bisherigen Werdegang des neuen Papstes nichts auf solche Schritte hinweist, wird verdrängt.

Auf der anderen Seite läuft es freilich ähnlich. „Wie gut, dass wir diesen neuen Papst haben“, sagte Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Für Leo XIV. sei „Einheit nicht Einheit“, sondern ein „harmonisches Miteinander der Verschiedenheiten“. Und Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, äußerte sich zuversichtlich, dass es vom neuen Papst Rückenwind für die Reformbestrebungen der Kirche in Deutschland geben werde. Und das, obwohl Robert F. Prevost noch 2024 einen Brief mitunterzeichnete, in dem Rom der Etablierung eines Synodalen Rates der Kirche in Deutschland erneut eine Absage erteilte.

„Jeder schafft ihn nach seinem Bild.“ Um herauszufinden, wie Papst Leo wirklich tickt, bleibt nichts anderes, als vorbehaltlos auf das zu hören und das zu lesen, was er selbst sagt und schreibt. Daraus lässt sich immerhin bereits eines schließen:  dass für Leo die Einheit der Kirche ein zentrales Anliegen ist. Dass er die Lager, von denen auch er selbst so unterschiedlich gedeutet wird, zusammenführen will.
 
Michael Winter