Kraft tanken

10.02.2026 |

Ja, Frohsinn, Humor, Lebensfreude auch in schwierigen Zeiten – das war, ist und bleibt der Sinn der Mainzer Fastnacht.

Gleichzeitig ist sie in ihren Wurzeln urdemokratisch. Freiheit, Völkervielfalt, gegenseitiger Respekt und Toleranz sind die Eckpfeiler dieses Volksfestes, das auf eine lange Geschichte zurückschaut.

Anfang des 19. Jahrhunderts waren die napoleonischen Befreiungskriege siegreich beendet. Der Wiener Kongress hatte getagt und die linksrheinischen Gebiete waren wieder deutsch. Nun wollte der einst vertriebene Adel die alte Ordnung aufleben lassen. Dies passte der Bevölkerung gar nicht, sie hatte Freiheitsluft geschnuppert, die Mainzer Republik war die erste demokratische Staatsform auf deutschem Boden. So ist die Fastnachtsitzung nichts anderes als eine Anspielung auf eine Parlamentssitzung in einer konstitutionellen Monarchie: Die Fastnacht wurde zum Ventil für den Ruf nach Freiheit. Nach dem Naziterror wurde die Mainzer Fastnacht zum Motor und Macher beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Nicht mit dem Schwert, sondern mit fein geführten Stichen des Floretts geißelt sie seither gesellschaftliche Fehlentwicklungen.
 

Fester Bestandteil des Lebens einer ganzen Region zu sein, diesem Grundsatz fühlen sich alle Mainzer Karnevalisten verpflichtet. Spaß und Freude haben, Kraft tanken für das tagtägliche Handeln im Alltag, das waren und das sind die eigentlichen Kraftspender für das, was an Dunklem und Ernstem auf einen einprasselt.
Und das ist in unseren Tagen nicht wenig: Es kommt vor, dass Karnevalisten, die sich gegen die AfD wenden, bedroht werden! Und ein Gestalter von Rosenmontagszugwagen soll in Moskau vor Gericht gestellt werden! Das alles spricht Bände! Wehret den Anfängen! 1933 darf sich niemals wiederholen!

Das ist auch der Antrieb hinter der diesjährigen Kampagne. Wir rufen auf zu Freiheit, zu Demokratie, zu Völkervielfalt im Geiste von Karl Zuckmayer. Vom Rhein zu kommen, das heißt von „natürlichem Adel“ zu stammen. Der Rhein steht für die Regionen, in denen sich die Völker vermischt haben – der gewaltige Monolog aus Zuckmayers Bühnenstück „Des Teufels General“, drückt dies eindrucksvoll aus. Lachen, Fröhlichkeit und Ernsthaftigkeit, gemischt mit Verantwortung für die Zukunft und für die Demokratie, das steckt im Geheimnis um diese Kultur Gottes, die den Menschen auch in Zukunft noch Kraft spenden wird.
 
Andreas Schmitt, Präsident der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht“, arbeitet für das Bistum Mainz